Freitag, 14. März 2014

Ich nähe dann mal ohne Nahtzugabe! Teil I

Wenn ich in den Weiten des Internets stöbere stoße ich sehr oft auf den Satz: Ich nähe es dann einfach ohne Nahtzugabe!
Jedes mal, wenn ich diesen Satz lese rollen sich mir die Fußnägel auf. Das ist nämlich Schnitttechnisch ein absolutes Fiasko. Deshalb möchte ich Euch in einer kleinen, losen Reihe mal zeigen warum das so ist, und wie ihr die Schnitte sinnvoll abändern und kombinieren könnt.

Also zuerst zum schönen Satz: Ich nähe dann mal ohne Nahtzugabe.
Ich habe mal meinen neuen Schnitt Trotzkopf als Beispiel genommen und Euch simuliert, was das für einen Schnitt bedeutet.
 Ich bin mal von einer Nahtzugabe von 1 cm ausgegangen. Das ist zwar schon eher viel, aber noch durchaus noch realistisch. Als Ausgang habe ich den Schnitt in 110 genommen. Bei einer Nahtzugabe von 1 cm landet ihr dann beim Rückenteil bei der Weite für Schnitt 98. Dass sind gleich zwei Größen kleiner.
Bei den Ärmeln ist es noch krasser. Da landet ihr nämlich bei 1 cm Nahtzugabe nicht etwa auch bei Größe 98, sondern gleich bei Größe 92, d. h. nicht nur zwei sondern gleich drei Größen kleiner als die Ursprungsgröße.
Danach habe ich mal die Ärmelkugel nachgemessen und bin zu folgendem Ergebnis gekommen: Plötzlich sind die Strecken von der Ärmelkugel nicht mehr gleich lang, sondern der Ausschnitt am Rücken/Vorderteil ist um 1,6 cm länger als die Strecke am Ärmel. Das lässt sich zwar beim Nähen durch etwas dehnen beheben, aber optimal ist es sicher nicht.

Noch problematischer ist dieser Satz, wenn ihr ihn z. B. auf mein Kapuzenkleid anwendet. Besonders beim Drehkleid habt ihr unten 6 Teile und oben nur 2. Wenn ihr hier ohne Nahtzugabe zuschneidet wird das Oberteil 4 cm enger und das drehende Rockteil gleich 12 cm. Das ist ein Unterschied von 8 cm und kann zu keinem guten Ergebnis führen.

Ich werde nie vergessen, wie eine Probenäherin das mal bei meinem Sommerhut gemacht hat. Das Kind war größentechnisch zwischen zwei Größen und die Näherin hat sich gedacht: Dann nähe ich einfach die größere Größe ohne Nahtzugabe. Herausgekommen ist ein Puppenhut, der natürlich überhaupt nicht gepasst hat (und dass der Schirm da auch nicht mehr angenäht werden konnte könnt ihr Euch ja vorstellen).

Mein Tipp für alle, die einen Schnitt etwas enger machen wollen: Näht den Schnitt eine Größe kleiner und verlängert dann die Armlänge und die Oberteillänge auf die richtige Körpergröße. So passen alle Teile noch zusammen und der Schnitt ist trotzdem enger. Ihr müsst nur aufpassen, dass ihr das Oberteil und die passende Ärmelkugel dazu ausschneidet. Genauso könnt ihr natürlich einen Schnitt weiter machen. Einfach eine größere Größe ausschneiden und dann auf die passende Größe kürzen. Allerdings müsst ihr dabei folgendes noch beachten. Ich gradiere meine Schnitt immer so, dass der Punkt unter der Achsel bei allen Größen auf einer Höhe ist.
Daher könnt ihr bei meinen Schnitten immer einfach eine Linie weiter wechseln. Sollte das bei einem Schnitt, den ihr ändern wollt einmal nicht sein müsst ihr die Strecken messen und dann abtragen.

Ich hoffe, ihr konntet damit etwas anfangen. Als nächstes zeige ich Euch, wie ihr Trotzkopf und Kapuzenkleid sinnvoll mixen, und was ihr noch so alles mit dem neuen Trotzkopf-Schnitt machen könnt.